Die Ville: Wie ein Braunkohletagebau zu 40 Seen und einem Urwald wurde
Wer heute zwischen Brühl und Erftstadt-Liblar durch eine Landschaft aus Seen und Wald wandert, ahnt kaum, dass hier einmal Braunkohle im Tagebau gefördert wurde. Über 40 Seen, 2400 Hektar Wald und eine der artenreichsten Lebensräume Nordrhein-Westfalens sind aus einem Industriegebiet entstanden. Das ist die Ville — ein Höhenzug, der sich von Bergheim im Nordwesten bis Bornheim im Südosten erstreckt und das Herz des Naturparks Rheinland bildet.
Was ist die Ville?
Die Ville ist ein etwa 60 Meter hoher Höhenzug in der Niederrheinischen Bucht, der sich über 50 Kilometer von Nordwest nach Südost erstreckt — von Bedburg über Bergheim, Frechen, Hürth und Brühl bis nach Bornheim und Alfter. Geologisch ist sie ein Halbhorst, der beim Einsinken der Kölner Bucht stehen blieb. Ihre höchste Erhebung ist die Glessener Höhe mit 205,8 Metern — eine künstliche Hochkippe aus Braunkohle-Abraum. Die südliche Ville, ab der Autobahn A553, hat noch ihr natürliches Profil.
Der Name „Ville" leitet sich möglicherweise vom altfränkischen Wort feli oder fili ab, das so viel wie „Ebene" oder „Heide" bedeutete. In historischen Karten findet sich noch die Schreibweise „Fille".
Vom Braunkohlerevier zur Wald-Seen-Landschaft
Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich im Gebiet der Ville etwa 20 Tagebaue entwickelt. Die Namen sind teils noch heute bekannt: Roddergrube, Grube Bleibtreu, Gruhlwerk, Concordia, Donatus, Berggeist, Vereinigte Ville. Die Braunkohle lag hier so oberflächennah wie nirgendwo sonst im Rheinischen Revier — deshalb nahm der industrielle Abbau gerade hier seinen Ausgang.
Nach dem Ende des Abbaus begann die Rekultivierung. Schon um 1920 wurden die ersten Buchen, Kiefern, Roteichen und Lärchen gepflanzt. Bis in die 1970er Jahre war der Braunkohleabbau in der Ville beendet, die Wiederherstellung der Landschaft abgeschlossen. Entstanden ist eine Wald-Seen-Landschaft: 2400 Hektar forstliche Rekultivierung, 660 Hektar landwirtschaftliche Rekultivierung und über 40 Seen in den Restlöchern der ehemaligen Tagebaue.
In einer Region, die von Natur aus keine Seen kennt, sind diese Gewässer eine Landschaftsbereicherung, die es sonst nirgendwo im Rheinland gibt. Die Forschungsstelle Rekultivierung in Bergheim begleitet die ökologische Entwicklung bis heute.
Die Seen der Ville-Seenplatte
Die Seen entstanden, weil unter der Braunkohle Tonschichten liegen, die das Grundwasser stauen. Nach dem Ende des Abbaus stieg das Wasser in den flachen Gruben rasch wieder an. Heute sind die Seen von überregionaler ökologischer Bedeutung und gleichzeitig das Herz des Naherholungsgebiets für den Großraum Köln/Bonn.
Badeseen: Der Liblarer See in Erftstadt bietet eine gute Wasserqualität, einen Sandstrand, Segelverein und Kanuverein. Der Heider Bergsee bei Brühl verfügt über einen großzügigen Badebereich mit Sandstrand und Liegewiese. Der Otto-Maigler-See in Hürth (50,5 Hektar) ist einer der beliebtesten Badeseen im Kölner Umfeld. Der Bleibtreusee (75 Hektar) ist der größte See der Seenplatte und bekannt für seine Wasserski-Anlage.
Naturschutzseen: Der Donatussee ist mit 15 Metern der tiefste der Villeseen. Er steht unter Landschaftsschutz, mit ganzjährig geschützten Laichzonen. Der Franziskussee beherbergt eine Sturmmöwenkolonie mit 44 Paaren auf zwei Inseln. Das Villenhofer Maar ist eines der ältesten Gewässer der Seenplatte und hat eine besondere Bedeutung für Libellen — über 30 Arten wurden hier nachgewiesen, davon 10 auf der Roten Liste NRW. Der Hürther Waldsee ist ein reiner Naturschutzsee und nach der europäischen FFH-Richtlinie als Schutzgebiet ausgewiesen.
Ein Urwald entsteht: Die Naturwaldzelle Ville
Im südlichen Teil der Ville, wo der Braunkohleabbau nie stattfand, steht der älteste Wald der Region. Die Naturwaldzelle Altwald Ville umfasst 20 Hektar und ist seit 1978 sich selbst überlassen — kein Mensch greift hier ein. Das angrenzende FFH-Gebiet Altwald Ville ist 66 Hektar groß.
In diesen Altwaldbeständen, die zum Teil fast 80 Jahre alt sind, wachsen mächtige Buchen und Eichen. Hier leben höhlenbrütende Arten wie der seltene Schwarzspecht, der an alte Wälder gebunden ist. Die Naturwaldzelle ist ein Forschungsobjekt: Wie entwickelt sich ein Wald, wenn man ihn vollständig sich selbst überlässt?
1300 Tierarten und 12 Orchideen
Die ökologische Bilanz der rekultivierten Ville ist beeindruckend: Über 400 Pflanzen- und Pilzarten und rund 1300 Tierarten sind erfasst — und viele Tiergruppen sind noch gar nicht systematisch untersucht. Die Ville ist damit einer der artenreichsten Lebensräume in Nordrhein-Westfalen.
Säugetiere: Wildkatze, Bechsteinfledermaus, Großes Mausohr.
Vögel: Eisvogel, Baumfalke, Wanderfalke, Trauerseeschwalbe, Sturmmöwe, Rohrweihe, Pirol, Steinkauz, Grauspecht.
Amphibien und Reptilien: Feuersalamander, Gelbbauchunke, Springfrosch, Zauneidechse.
Libellen: Große Moosjungfer, Zierliche Moosjungfer, Gefleckte Smaragdlibelle.
Orchideen: 12 verschiedene heimische Arten, darunter das Übersehene Knabenkraut und die Pyramiden-Hundswurz.
In unserer Seenrunde durch die Ville-Seenplatte kannst du diese Natur hautnah erleben — 17,5 Kilometer durch eine Welt aus Wasser und Wald.
Erholung und Freizeit: Was die Ville bietet
Die Ville ist das Naherholungsgebiet für den Großraum Köln/Bonn. Der Naturpark Rheinland wird als „dritter Grüngürtel" Kölns bezeichnet. Die Seen und Wälder bieten Aktivitäten für jeden Geschmack:
Wandern: Der Villeweg führt vom Reiterhof Birkhof an der A553 durch die offene und bewaldete Villenhöhe bis zum Bahnhof Kottenforst. Wer es kürzer mag, wandert die 6-Kilometer-Runde um den Liblarer See. Für Familien eignet sich die 12,8-Kilometer-Route zwischen Franziskussee und Donatussee.
Radfahren: Die 31-Kilometer-Tour zum Karauschenweiher führt durch den Naturpark Rheinland, vorbei an Liblarer See, Karauschenweiher und Ville-Seenplatte. Auch der komoot-Radtouren-Guide für Erftstadt bietet 263 Routen in der Region.
Laufen und Joggen: Die 4,7-Kilometer-Laufstrecke am Liblarer See ist flach, befestigt und belebt — die beliebteste Jogging-Runde Erftstadts.
Wassersport: Stand-up-Paddling und Wasserski am Bleibtreusee, Segeln und Kanu am Liblarer See, Rudern und Surfen am Otto-Maigler-See, Tauchen am Heider Bergsee. Angeln ist an mehreren Seen möglich.
Baden: Strandbäder mit Sandstrand gibt es am Liblarer See, Heider Bergsee, Otto-Maigler-See und Bleibtreusee. Die DLRG Rhein-Erft informiert über Badegewässerqualität und Sicherheitsregeln.
Das Vorgebirge: Wo Obst und Gemüse wachsen
Der Osthang der Ville zur Rheinebene hin — von Frechen bis Alfter — wird Vorgebirge genannt. Durch die Leelage zur Ville ist diese Landschaft windgeschützt, eine mächtige Lössdecke begünstigt intensiven Gemüse- und Obstanbau. Früher wurde hier sogar Wein angebaut, zahlreiche Flur- und Straßennamen zeugen davon.
Erftstadt und die Ville
Die Stadt Erftstadt liegt direkt an der Ville. Zum Stadtgebiet gehören der Liblarer See, der Ober- und Mittelsee (teilweise), der Köttinger See und der Concordiasee. Wer in Erftstadt wohnt, hat die Ville-Seenplatte vor der Tür — 15 Minuten vom Stadtzentrum, erreichbar zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto.
Auch kulturhistorisch ist die Ville mit Erftstadt verbunden: Das barocke Wasserschloss Gracht in Liblar liegt am Rand der Seenplatte, und die Landesburg Lechenich thront am Westrand der Ville. Wer die Geschichte der Region verstehen will, sollte beide besuchen.
Fazit: Ein Beispiel für gelungene Rekultivierung
Wer die Geschichte der Seen im Detail nachlesen möchte, findet sie in unserem Artikel Wie die Villeseen entstanden. Die Ville ist mehr als ein Naherholungsgebiet. Sie ist ein Beweis dafür, dass Industrie- und Naturlandschaft sich nicht ausschließen müssen — wenn der Mensch nach dem Abbau die Natur gewähren lässt. Was aus Braunkohletagebauen wurde, ist heute ein Naturparadies mit 40 Seen, 1300 Tierarten und einem Wald, der sich selbst heilt. Für Erftstadt ist die Ville der größte Naturwert der Stadt — und einer der attraktivsten der Region.


